Rede zur Baumschutzsatzung

Stadtrat Rüdiger Weckmanns Rede zur Baumschutzsatzung am 19. Juli 2022

Man stelle sich die Schlagzeile in den überregionalen Medien vor:
Ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres lehnt die Reutlinger Gemeinderatsmehrheit eine Bauschutzsatzung ab. Sie lehnt den Schutz großer Bäume ab, die helfen das Stadtklima zu verbessern und herunter zu kühlen.
Nachdem Reutlingen vor einigen Jahren Schlagzeilen wegen seiner schlechten Luft machte, nun dies.
Daniel Scheu hat in seiner Bachelorarbeit dargestellt, dass Reutlingen auf Grund seiner topografischen Lage im Schnitt höhere Temperaturen hat. Allerdings mit großen Unterschieden je nach Lage. In Einzelfällen, in „städtische Wärmeinsel“, kann die Temperatur um bis zu 15°C höher als in der Umgebung sein.

Wir erleben es. Der Klimawandel hat spürbar begonnen. Aus den Mittelmehrländern kommen Katastrophenmeldungen, wegen Hitze, Dürre und Waldbränden.

Spanien meldete letzte Woche 360 Hitzetote. Tagesschau online schreibt heute:
„Das ist kein Traum-Sommer, sondern ein Albtraum. Denn in den Jahren 2018 bis 2020 sind in Deutschland insgesamt fast 20.000 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben.
Das Umweltbundesamt verweist auf Modellrechnungen, die einen Anstieg hitzebedingter Mortalität von ein bis sechs Prozent pro Grad Celsius Temperaturanstieg ausweisen.“
Die Tagesschau zitiert Forscher, die herausgefunden haben, dass die Kühlleistung eines einzelnen Baumes 20 bis 30 Kilowatt beträgt. Das entspricht etwa zehn Klimaanlagen. Eine weitere Arbeit an der ETH Zürich hat gezeigt, dass mit Bäumen bewachsene Flächen in mitteleuropäischen Städten acht bis zwölf Grad kühler sind als bebaute.
Im Detail beschreibt der BUND Reutlingen in einem Flyer welch beeindruckende Leistung alte Bäume auf die Luftreinhaltung und Abkühlung haben. Ich will das nicht wiederholen. Die Fraktionen, die eine Baumschutzsatzung ablehnen, empfehlen das Pflanzen von Bäumen. Das Pflanzen von Bäumen ist gut und richtig, doch junge Bäume ersetzen alte Bäume erst in 40, 50 oder 100 Jahren, wenn diese dann erst ihre volle Wirkung für das Stadtklima entfalten.

Das Institut für Soziologie Wien stellt fest:
Von Hitze betroffen sind u.a. Ältere, sowie Personen mit chronischen Erkrankungen. Aber auch die soziale Lage ist ein Risikofaktor: „Menschen, die ohnehin schon hohen Umweltbelastungen ausgesetzt sind, die auf wenigen Quadratmetern mit ihren Familien in nicht-sanierten Wohnungen in Gegenden mit hohen Lärm- und Luftschadstoffbelastungen leben, sind auch der Hitze verstärkt ausgesetzt“.

Das sind Menschen, die in der Regel keinen eigenen Garten und keine eigenen Bäume haben, die aber darauf angewiesen sind, dass diese weiter ihren positiven Einfluss auf das Stadtklima haben.

Unser Antrag auf einen Bauschutzsatzung entspricht der ursprünglichen Verwaltungsvorlage, die den Geltungsbereich auf die ganze Stadt vorsah. Nach der einhelligen Ablehnung der Bezirksgemeinden, schließen wir uns der Position des BUND an, sich zunächst auf die Gemarkung Reutlingen zu beschränken. Später, nachdem man weitere Erfahrungen gesammelt hat, könnten die Teilorte dazu kommen.
Auch wenn eine Baumschutzsatzung an der Gesamtproblematik des Klimawandels nicht viel ändern kann, sie hat Signalwirkung und macht der Bevölkerung bewusst – das uns der Klimawandel vor großen Herausforderungen stellt und die Summe vieler Maßnahmen Wirkung zeigen kann.
Sie ist auch ein Signal an die junge Generation, in der Zweifel aufkommen, dass die Politik genügend macht um deren Zukunft zu sichern, wenn sie buchstäblich nach dem Motto verfährt: Nach uns die Sintflut.

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