Autofrei? – Gut für den Einzelhandel

Der von uns initiierte interfraktionelle Antrag auf eine autofreie Altstadt, stößt nicht bei allen auf Gegenliebe.
Oft kommt als Gegenargument die Annahme, dass der Einzelhandel weniger Kunden bekommt, wenn nicht vor der Ladentür geparkt werden darf. Von konservativer Seite kommt gar der Wunsch Parkgebühren zu reduzieren und die erste halbe Stunde kostenfrei zu machen.

Wir haben Fakten zusammengestellt:

„Aus vielen Ländern gibt es Analysen zum Zusammenhang Umsatz und Verkehrsmittel.
Bei fast allen Studien sind die Ausgaben pro Einkauf bei „Auto“-Kunden höher als bei „Umweltverbundkunden“.
Aber diese kommen häufiger zum Einkaufen als „Auto-Kunden“. Das bestätigen Studien aus sechs französischen Städten, Kopenhagen, Oregon, New York und Dublin.
Für 80 % der Umsätze des Einzelhandels sorgen die Kunden, die im Umweltverbund unterwegs sind. „Auto-Kunden“ schieben zwar den größeren Schein über die Theke, aber die Kunden des Umweltverbunds lassen in Summe mehr da. Wer als stationärer Einzelhändler am Ende des Monats in die Kasse schaut, wird feststellen, dass die Kunden, die mit Bus und Bahn, dem Rad oder zu Fuß kommen, ihm wichtiger sein sollten. Für durchschnittlich 20 % des Gesamtumsatzes sorgen die Kunden, die mit dem Pkw kommen, 80 % werden durch die Kunden des Umweltverbunds erbracht. Um den Faktor 4 sind also die Kunden des Umweltverbunds wichtiger.
Die Parkplatz-Umsatz-Rentabilität von Fahrrad-Parkplätzen ist höher als bei Pkw-Parkplätzen. Daten aus Deutschland liegen nicht vor. Studien aus der Schweiz und Australien zeigen, dass bei der Gestaltung von Parkflächen besser in den Radverkehr als in den Pkw-Verkehr investiert werden sollte.
Verkehrspolitische Maßnahmen wie verbesserte ÖPNV-Anbindung oder -Ausbau, Radstreifen oder Verkehrsberuhigung fördern Umsatz und Attraktivität von Standorten. Eine Studie aus Deutschland zeigt eine sehr klare Korrelation zwischen Attraktivität und ÖPNV-Anbindung auf. Diverse Studien aus dem Ausland weisen auf deutliche Handelsbelebungs- und Umsatzeffekte hin, wenn beispielsweise Bus- und Radspuren zu Lasten des Pkw-Verkehrs eingeführt werden.“
(…) „Die Größe der einbezogenen Städte liegt zwischen ca. 40.000 und ca. 230.000 Einwohnern und bildet damit einen guten Referenzrahmen für Mittel- und Großstädte.“
Quelle: Städtische Mobilität in Brandenburg und Sachsen-Anhalt – Die Bedeutung des ÖPNV heute und morgen. Positionen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen Landesgruppe Ost
https://www.vdv.de/vdv-positionen-lang-januar-2017-rz-klein.pdfx

Prof. Rolf Monheim hat eine Befragung des Instituts für Handelsforschung, Köln „Vitale Innenstadt“ ausgewertet:

„Deutlich wichtiger (als das Parkangebot) für den Erfolg des Innenstadteinzelhandel ist eine gute innere Erreichbarkeit. Dies bedeutet, dass man nach Ankunft in der Innenstadt (mit Auto, ÖV, Rad oder zu Fuß) die dortigen Ziele angenehm zu Fuß erreichen kann. Viele Einzelhändler schauen nur auf den Parkplatz vor ihrer Ladentüre und begreifen nicht die Bedeutung des Agglomerationseffekts durch „Shared Business“, also den Nutzen durch die Vielfalt benachbarter Anbieter.“
„Selbst die mit dem Auto Kommenden sind entgegen einem verbreiteten Vorurteil sportlich unterwegs. (Nürnberg: durchschnittlich 1,4 km, samstags 1,7 km zu Fuß).
Diese weiten Wege werden dadurch gefördert, dass umfangreiche Fußgängerzonen eingerichtet wurden – nicht selten gegen den Widerstand von Händlern.“
„Die Größe des etwa 10 km umfassenden Fußgängerbereichs (in Nürnberg) fanden 83% richtig und nur 5% übertrieben. 12% wünschen sich sogar eine Erweiterung.“
Quelle: Zeitschrift „mobilogisch!“ 2/19

Praxisbeispiel Pontevedra, Spanien

Einzelhandel profitiert vom Verkehrskonzept
Am Anfang protestierten 3.000 Händler gegen die Pläne des Bürgermeisters, manche zogen vor Gericht. Auch der Unternehmer Miguel Lago war zu Beginn gegen die radikalen Pläne, doch das hat sich mittlerweile geändert. Die Umsätze nicht nur in seinem Supermarkt sind gestiegen, die Kunden kommen nun zu Fuß oder mit dem Fahrrad. In Pontevedra hat der Einzelhandel vom Verkehrskonzept profitiert.
„Klar gab es Ängste. Aber dann haben wir gesehen, wie sich das Zentrum, das heruntergekommen war, verbesserte. Heute nun wollen immer mehr hier investieren“, sagt Miguel Lago, Präsident des Einzelhandels Pontevedra.
Pontevedra macht vor, wie Städte den öffentlichen Raum zurückerobern können – und die Bürger haben das Konzept angenommen.
Einwohner: „Es ist einfach ideal, zum Leben und zum Arbeiten.“
„Man kann ruhig laufen, ohne Angst überfahren zu werden, einfach wunderbar.“
„Es gibt weniger Luftverschmutzung, es macht mehr Spaß in der Stadt, weil man ohne Autos flanieren kann.“
Quelle: https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/spanien-pontevedra-paradies-fuer-fuessgaenger-100.html

Bedeutung (des Fußverkehrs) für den Einzelhandel

Zur Belebung des Einzelhandels trägt der Fußverkehr mehr bei als alle anderen Transportmittel. Nicht zuletzt aus diesen Grund wurden seit den 1960-er Jahren viele Hauptgeschäftsstraßen zu Fußgängerzonen umgewandelt und verlagerte sich ein nennenswerter Teil des Einzelhandels später in geschlossene Center, die im Inneren ausschließlich für den Fußverkehr erschlossen sind. Intelligenter Handel setzt auf Kunden, die auf ihren Beinen kommen.
Auch an Geschäftsstraßen mit individuellen und öffentlichen Fahrzeugen dominiert oft der Fußverkehr. Nach einer Londoner Studie suchten Fußgänger aus dem Umfeld Einkaufsstraßen im Durchschnitt 16-mal monatlich auf, Autofahrer nur 8-mal. zu Fuß aufsucht, gibt in Durschnitt monatlich 40 Prozent mehr aus als Besucher per Auto. In fußgängerfreundlich umgestalteten Straßen sank der Leerstand und stiegen die Ladenmieten. Studien aus mehreren Städten kamen zu dem Ergebnis, dass Einzelhändler die Bewegungsart ihrer Kunden häufig falsch einschätzen. Londoner Händler vermuteten, 63 Prozent ihrer Kunden kämen mit dem Auto; tatsächlich waren es nur 20 Prozent. [9]
In Wien befragte Händler schätzten einen mittleren Anteil von 28 Prozent Autofahrer-Kunden; tatsächlich waren es jedoch nur 10 Prozent. Die Händler nahmen an, es würden weniger Menschen zu Fuß als mit dem Auto kommen. Tatsächlich gingen 34 Prozent ihrer Besucher zu den Weg ins Geschäft zu Fuß – mehr als dreimal so viele, wie mit dem Auto herfuhren. Die Fußgänger gaben zwar pro Kopf etwas weniger aus – in Wiener Innenstadt-Geschäften monatlich 151 Euro aus, mit dem Auto Gekommene dagegen 170 Euro. [10] In Geschäften am Wiener Stadtrand betrug das Verhältnis 132 zu 140 Euro. Da aber die Zahl der zu Fuß gekommenen deutlich überwog, trugen sie insgesamt die größten Anteile zum Umsatz bei. Untersuchungen aus San Francisco, Kopenhagen und Bern kamen zu ähnlichen Ergebnissen. [11]

[9] Transport for London (2018) File 6
[10] Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie Österreich (2012) S.78
[11] Transport for London (2018) File 8

Quelle: https://www.fuss-ev.de/95-uncategorised/741-gehen-intelligenter-stadtverkehr-zu-fuss.html

 

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