Autofreie Altstadt stärkt den Einzelhandel

Eine Gemeinderatsmehrheit fordert in einem interfraktionellen Antrag die Reutlinger Altstadt in den kommenden 10 Jahren autofrei zu gestalten. Einzig die CDU und die FDP sind dagegen. Die CDU-Stadträte Haux und Weinmann befürchten Umsatzrückgänge beim Einzelhandel.

Federnseeplatz autofrei

Was wäre aber, wenn das Gegenteil stimmt, wenn der Umweltverbund für die Kassen der Einzelhändler viel besser klingt? Und damit der Ausbau des ÖPNV die Konjunktur im stationären Einzelhandel beleben würde?
Dieser Fragestellung sind wir (Verband deutscher Verkehrsunternehmen Ost) im Folgenden nachgegangen und haben dazu Studien aus Deutschland und dem Ausland analysiert und Experten interviewt.
„Wer als stationärer Einzelhändler am Ende des Monats in die Kasse schaut, wird feststellen, dass die Kunden, die mit Bus und Bahn, dem Rad oder zu Fuß kommen, ihm wichtiger sein sollten. Für durchschnittlich 20 % des Gesamtumsatzes sorgen die Kunden, die mit dem Pkw kommen, 80 % werden durch die Kunden des Umweltverbunds erbracht. Um den Faktor 4 sind also die Kunden des Umweltverbunds wichtiger.“
https://besser-wachsen.com:
Ein weiteres Argument gegen die autofreie Innenstadt lautet,  der Einzelhandel würde unter den Folgen der geringeren Mobilität der Bürger leiden. Das Beispiel Hasselt zeigt allerdings, dass für einen florierenden Einzelhandel und hohe Besucherzahlen vor allen Dingen die Qualität der Umgebung entscheidend ist. Auch Jutta Deffner, Verkehrsexpertin am Institut für Sozialökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt, erwartet nach der Erweiterung der Fußgängerzone in Frankfurt am Main einen positiven Effekt für den Einzelhandel.

Federseeplatz heute

Im Interview mit der Frankfurter Rundschau führt sie auf die Frage nach einer autofreien Innenstadt aus: „Das ist doch ein gutes Szenario, weil mit einer autofreien Innenstadt viele Funktionen des Stadtkerns gestärkt werden, etwa die Aufenhaltsqualität der Stadt, ein besseres Wegenetz für Radfahrer und Fußgänger. Außerdem wird der Einzelhandel gestärkt.“ Eine positive Entwicklung von Fußgängerzonen und eine allgemeine Verkehrsberuhigung sorgten schon in der Vergangenheit dafür, dass bei zwei Drittel aller Betriebe Umsatzsteigerungen aufzuweisen waren und nur bei 3 Prozent der Umsatz sank, so die Erfahrung in Deutschland. Günstige oder kostenfreie öffentliche Verkehrsmittel sind in Zeiten kontinuierlich steigender Benzinpreise zudem ein Anreiz, auf das Auto zu verzichten. Das Ausbleiben eines innerstädtischen Verkehrschaos und ein grünes attraktives Stadtbild sorgen mitunter für eine kontemplative Stimmung bei den potentiellen Kunden. Der Einzelhandel hat über die „autofreie Innenstadt“ die Möglichkeit, sich von den großen Billigdiscountern abzugrenzen, die in den Gewerbegebieten jeder Stadt vertreten sind, indem er sich harmonisch in das Stadtleben eingliedert.

Belebung durch Beruhigung?
Stadtgestaltung – Der »RT-aktiv«-Vorsitzende Christian Wittel zu Chancen und Risiken der
autofreien Altstadt
VON ANDREA GLITZ im GEA 24.05,2018
REUTLINGEN. Hilft Verkehrsberuhigung bei der Belebung des Zentrums oder macht sie die Reutlinger Altstadt tot? Neben den Anwohnern schaut vor allem der Einzelhandel mit Argusaugen auf die städtische Verkehrspolitik.
»Ich wehre mich nicht gegen das Konzept der autofreien Altstadt«: Der »RT-aktiv«- Vorsitzende Christian Wittel macht im GEA-Gespräch deutlich, dass er dem Thema offen gegenübersteht und es begrüßt, wenn die Linke Liste damit eine Diskussion anstößt.
Die »Interessengemeinschaft für ein attraktives Reutlingen« werde die Diskussion »kritisch begleiten«. Wittel verrät auch, dass es teils massive Bedenken aus Händlerkreisen gebe. Dort weiß man um die Bequemlichkeit der Kundschaft. 75 Prozent der Kunden kämen mit dem Auto nach Reutlingen. Manche würden am liebsten »drive-in einkaufen«, weiß der Optikermeister.
Eine Ausweitung der Fußgängerzone habe auch eine Kehrseite, die gerade kleine Läden belastet: »Wir leben von den günstigeren Mieten in den Seitenstraßen.« Oberstes Ziel müsse sein für alle, die am Konzept mitstricken, Reutlingen attraktiver zu gestalten.
Ob eine autofreie Altstadt dabei hilft, müsse geprüft werden. Danach gelte es, kein Konzept überzustülpen, sondern Händler, Gewerbetreibende und Anwohner ins Boot zu holen.

Interfraktioneller Antrag_Autofreie Altstadt_24.09.2018  von FWV, Grünen u.Unabhängigen, Linke Liste, SPD und WIR-Liste

Quellen:
Positionen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen Landesgruppe Ost
https://besser-wachsen.com/2012/02/17/das-konzept-einer-autofreien-innenstadt-am-beispiel-wiesbadens-von-hannes-hoberg/
Frankfurter Rundschau „Autofreie City darf kein Stückwerk werden“, 23.1.2009, http://www.fr-online.de/rhein-main/verkehr–autofreie-city-darf-kein-stueckwerk-werden-,1472796,3359834.html, abgerufen am 09.02.2012.
Ulrich Hatzfeld & Rolf Junker, „Stadt ohne Autos – Handel ohne Umsatz?“, 1992, Der Städtetag

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