Ja zum Gewerkschafthaus Reutlingen

Vor 18 Jahren schrieb Holger Lange im Schwäbischen Tagblatt – siehe unten – von den Bestrebungen wieder ein gemeinsames Gewerkschaftshaus in Reutlingen zu bekommen. Jetzt hat der Gemeinderat in seiner Juni-Sitzung einstimmig den Weg dafür frei gemacht.
Die IG Metall wird in der Kaiserstrasse in Nachbarschaft zum Kaufhof bauen.
Wir freuen uns, dass die IG Metall die alte Reutlinger Tradition „alle Gewerkschaften unter einem Dach“ fortsetzen will und dies in einer sehr verkehrsgünstigen und zentralen Lage.
Dies wird helfen, die wichtige gesellschaftliche Rolle als Interessensvertreter der abhängig Beschäftigten zu stärken.

Kalenderblatt der IG Metall Reutlingen – ehemaliges Gewerkschaftshaus am Wandelknoten, vor, während und nach dem 2. Weltkrieg

Am 1. Mai 1925 bezogen die Gewerkschaften das „Deutsche Haus“
Mit Wirtschaft und Versammlungssaal

REUTLINGEN. Am 1. Mai 1925 wurde das Reutlinger Gewerkschaftshaus in der Wernerstraße 1, später Gustav-Werner-Straße, seiner Bestimmung übergeben. Auf dem Grundstück steht heute das Terminal des Zentralen Omnibusbahnhofs.
Von Holger Lange, erschienen im Schwäbischen Tagblatt am 28.04.2000.

Es ergibt erneut Bestrebungen, aus den drei Reutlinger „Gewerkschaftshäusern“ wieder ein gemeinsames zu machen; mit einer Wirtschaft und einem Versammlungssaal.

Schon 1896 trugen sich die organisierten Arbeiter mit dem Gedanken, ein eigenes Heim zu erwerben, um eine sichere Wirkungsstätte zu besitzen. Wirtslokale entsprachen nicht immer ihren Bedürfnissen, und teilweise wurde ihnen auch die Benutzung verweigert. Doch erst nach der November-Revolution 1918 wurde die „Lokalfrage“ wieder in den Versammlungen diskutiert. 1919 wollten die Kollegen Ernst Hipp und Gottlob Sigmund die Wirtschaft zum „Deutschen Haus“ in der Wernerstraße 1 kaufen, was aber am fehlenden Geld scheiterte.

Restaurator Wilhelm Gottlob Faßnacht hatte 1890 auf dem 497 Quadratmeter großen Grundstück an der Ecke Werner-/Lederstraße ein dreistöckiges Wirtschafts- und Wohngebäude erstellt. Er besaß die Schankwirtschaftskonzession und das Recht, eine Gartenwirtschaft zu betreiben. Die Wirtschaft „Deutsches Haus“ wurde am 15. Januar 1891 eröffnet. 1895 erwarb Bierbrauer Julius Cloß aus Nürtingen das Anwesen und Konzession.

Eine Vertreter-Sitzung der Vereinigten Gewerkschafter im Jahre 1920 beauftragte die Kartell-Leitung, das „Deutsche Haus“ pachtweise zu übernehmen. Hipp und Sigmund ließen nicht locker. Am 14. Oktober 1921 wurden Haus und Inventar Cloß für 200 000 Reichsmark abgekauft. Den Hauptanteil brachten der Textil- und Metallarbeiterverband auf.

Die Konzession für die Gastwirtschaft besaß der Mechaniker Ernst Hipp schon seit 1915. Er bewirtschaftete das „Deutsche Haus“ bis zum 31. Mai 1927. Danach wurde der Wirtschaftsbetrieb an den Metzger Eugen Ruff verpachtet. Vom 3. Februar 1931 an wurde die Wirtschaft wieder in Eigenregie geführt. Geschäftsführer waren Ernst Hipp und Gottlob Sigmund.

Auf Anregung des Konsum- und Sparvereins, der einen eigenen Laden benötigte, wurde der Erweiterungsbau am 4. April 1924 einstimmig beschlossen und das alte Gebäude vollständig umgebaut. Die Baukosten betrugen 105 358 Reichsmark. Stadtbaumeister Vöhringer schätzte am 8. Juni 1925 die Wertsteigerung durch den Anbau auf mindestens 70 000 Reichsmark, die Wertsteigerung des alten Teils auf 55 000 Reichsmark, den Wert des Bodens auf 25 000 Reichsmark, was eine Verkehrswerterhöhung von 122 000 Reichsmark bedeutete.

Eigentümer für die nicht rechtsfähigen Vereinigten Gewerkschaften waren Ernst Hipp und Gottlob Sigmund. Das Gewerkschaftshaus, das am 1. Mai 1925 bezogen wurde, entwickelte sich zum Zentrum der Reutlinger Arbeiterbewegung. Dabei waren nicht einmal alle Gewerkschaftsbüros untergekommen. Unter dem Dach hatte man Zimmer und Wohnungen eingerichtet.

Im Gewerkschafthaus befanden sich eine Tageswirtschaft, das „Deutsche Haus“ mit Versammlungslokalen, geräumige Büros des Metall-, Fabrik-, Leder-, Textil-, Holz- und des Baugewerkebundes der Bauhütte „Achalm“, der Volksfürsorge, ferner ein Bibliotheks- und Lesezimmer, der Konsumla-den, fünf vermietete Wohnungen und die Reutlinger sozialdemokratische Tageszeitung „Freie Presse“ (1911 bis 1933). Es war Treffpunkt der proletarischen Massenorganisationen, der Naturfreunde, des Arbeiter-Turnerbund, Arbeiter-Radfahrerbund „Lichtenstein“, Arbeiter-Schwimmerbund, der Proletarischen Freidenker, des Arbeiterbildungsverein, des Mandolinen- und Gitarrenvereins und der Arbeitersamariter.

Als eines der ersten Gewerkschaftshäuser wurde am 24. März 1933, vormittags um neun Uhr, das Reutlinger Haus auf Anordnung des Unterkommissars Landtagsabgeordneter Huber, von Schutz- und Kriminalpolizei durchsucht und von SA und SS besetzt. Weitere Besetzungen des Gewerkschaftshauses folgten am 11. April und am 2. Mai, die aber nur noch symbolischen Charakter hatten. Längst gingen Vertreter der Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation (NSBO) im Gewerkschaftshaus ein und aus. Schon Mitte April waren Reutlinger Gewerkschafts-Funktionäre im Konzentrationslager auf dem Heuberg inhaftiert.

Trotz Besetzungen von Gewerkschaftshäusern und Verhaftungen von Funktionären steuerte der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) einen Kurs der politischen Anpassung, um den „Bestand“ der Organisation zu retten. Die Anpassung ging soweit, dass der ADGB zur Teilnahme am faschistischen „Feiertag der nationalen Arbeit“, dem 1. Mai 1933, aufrief. Am 30. April verteilten Reutlinger Kommunisten Flugblätter an die Arbeiter, die zum Boykott aufforderten.

Am 2. Mai wurden die Gewerkschaften endgültig zerschlagen. Die Verhaftung der Reutlinger Gewerkschaftsführer war nicht mehr nötig, sie waren bereits auf dem Heuberg ins KZ gebracht worden. Dorthin reiste dann Fritz Krimmel, Kreiswalter der „Deutschen Arbeitsfront“ DAF. Er hatte Rücktrittsformulare bei sich, auf denen die Gewerkschaftsfunktionäre ihren „freiwilligen Rücktritt“ unterschreiben mussten.

Nach der Besetzung durch die SA im März 1933 verwaltete die NSBO das Gewerkschaftshaus und die darin befindliche Gaststätte „Deutsches Haus“. In der Folgezeit wurde das Gewerkschaftshaus von der Arbeitschaft konsequent boykottiert. Auch machte sich das Ausbleiben der verbotenen Arbeitervereine, von denen viele dort „ihr Lokal“ hatten, deutlich durch rückläufige Umsätze bemerkbar.

Trotz der Herabsetzung des Bierpreises auf 20 Pfennige und des dringenden Aufrufs am 10. Juni 1933: „Deutsche Volksgenossen! Setzt Euch ein, dass Eure Gaststätte einen Besuch aufzuweisen hat und erkämpft eine Tradition für Euer Volkshaus!“ gelang der NSBO eine Wiederbelebung des „Deutschen Hauses“ nicht.

Die Nazis rechtfertigten ihren Rückzug aus dem Gewerkschaftshaus mit der angeblichen „totalen Überschuldung“ des Hauses. Ab Januar 1934 stellte die NSBO die Zinszahlungen für die zwei Grund-stückshypotheken an die Volksfürsorge-Versicherungs AG des Gewerkschaftshauses ein, weil das Haus ja von der Generalstaatsan-waltschaft Berlin beschlagnahmt worden war.

Die Volksfürsorge stellte am 27. März 1935 beim Amtsgericht Reutlingen den Antrag auf Zwangsversteigerung. Am 27. Oktober 1936 bekam die Brauerei Leicht den Zuschlag mit dem Gebot von 64 127 Reichsmark. Bei einem Luftangriff am 15. Januar 1945 wurde das „Deutsche Haus“ total zerstört.

Das Gewerkschaftshaus an der Ecke Wernerstraße/Lederstraße mit der Kastanienallee im Jahr 1928. Es entwickelte sich zum Zentrum der Reutlinger Arbeiterbewegung.

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