Ziel: Autobefreite Altstadt

Federseeplatz – Visualisierungen: Karin Schliehe

Stadtgestaltung – Linke Stadträte suchen Mitstreiter für ihren Vorstoß zur
Verkehrsberuhigung – VON ANDREA GLITZ GEA 24.05,2018

REUTLINGEN. Autofreie Reutlinger Altstadt als langfristiges Ziel: Die beiden Stadträte der Linken Liste haben eine Vision, mit der sie nicht ganz nebenbei auch die Stadtluft verbessern wollen. Die Marschlinie heißt: schrittweise Ausdehnung der Fußgängerzone.
Stadtrat Rüdiger Weckmann hat dem GEA das Konzept erläutert. Das kommt noch recht grobmaschig daher, bietet jedoch schon hinreichend Anregungen – und Diskussionsstoff.
Er und Carola Rau wollen es »als Signal« verstanden haben, das eine öffentliche Debatte in Gang setzt. Der Vorstoß ist inspiriert von einer Initiative des Linken-Bündnisses im Stuttgarter Gemeinderat (der GEA berichtete), der die Landeshauptstadt durch Verkehrsberuhigung gründlich verändern soll. »Ich strebe einen solchen Zielbeschluss des Gemeinderats auch für Reutlingen an«, so Weckmann.

Metzgerstr.


Mehr Lebensqualität
Zuvor soll die Idee allerdings in die Bürgerschaft implementiert werden und Mitstreiter für ein Bündnis gefunden werden: Grüne, Umwelt- und Verkehrsverbünde sieht Weckmann als naturgegebene potenzielle Kandidaten. Gemeinsam möchte man eine Strategie entwickeln. Deren Ziel laut Konzept: die Saat aussähen für »städteplanerische Bemühungen, den öffentlichen Raum, der in den letzten Jahrzehnten autogerecht gestaltet wurde, wieder für den Menschen zurückzuerobern«. Mehr Stadtqualität, mehr Lebensqualität, mehr Umweltqualität, verspricht sich die Linke durch die »Befreiung von stehendem und fahrendem Verkehr«.
Der Rückbau von Parkplätzen würde neue Freiräume im verdichteten Stadtgebiet schaffen. Mehr Kinderspielmöglichkeiten, mehr Außengastronomie, Bänke, Grün könnten das (Er-)Leben (in) der Stadt bereichern.
Dem Konzept haben die Räte einige Zahlen als Denkanstöße beigelegt. Für die »Stadt für Morgen – umweltschonend, mobil, lärmarm, grün und durchmischt« hat das Umweltbundesamt im Frühjahr 2017 als Messgröße für eine zukunftsfähige Mobilität in deutschen Großstädten den Zielwert von nur 150 Autos pro 1 000 Einwohner ausgegeben.
Der Durchschnitt in deutschen Großstädten liegt bei 450 Fahrzeugen, Reutlingen verzeichnet statistisch 544 Fahrzeuge pro 1 000 Einwohner (Stand 2014).
Was können Anwohner, Betriebe, Beschäftigte, Handel, Gastronomie gewinnen? Wie können bestehende Bedürfnisse und Erfordernisse der Betroffenen am besten berücksichtigt werden? Das sind Themen und Fragen, die die Linke in Reutlingen diskutieren will.
Einige Antworten wurden schon gesucht: Anwohner sollen zufahren dürfen, Ausnahmegenehmigungen etwa für den Lieferverkehr sind ebenfalls vorgesehen. Poller sollen nur die anderen fernhalten. Miet-E-Bikes, verbesserte Car-Sharing-Angebote, Förderung des E-Bike-Lastentransports: ein Bündel von Angeboten soll Mobilitäts- und Komfortverluste reduzieren.
Bündnis schmieden
Wie die Stuttgarter Bewegung auch, streben die Linken an, Partner und Unterstützer zu finden und ein Bündnis »Autofreie Altstadt« zu schmieden. Rüdiger Weckmann berichtet von ersten Gesprächen, bei dem ihm »offene Türen«, aber auch starke Vorbehalte begegneten. Schritt für Schritt sollen die Veränderungen vor sich gehen, im Dialog mit den Betroffenen.
Mit zeitlich und örtlich begrenzten Pilotprojekten will man Werbung fürs Konzept machen und versuchen, den Bürgern die Restriktionen »schmackhaft« zu machen, so Weckmann. Wenn die beiden Räte genügend Resonanz und Mitstreiter finden, wollen sie einen entsprechenden Antrag an die Verwaltung stellen und die Debatte im Gemeinderat führen.
Vonseiten der Verwaltung wünscht sich die Linke Liste unter anderem eine verkehrliche und städtebauliche Machbarkeitsstudie, die realisierbare Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.

Kanzleistr./Listgymnasium

Von Madrid bis Helsinki: Konzepte gegen zu viel Verkehr
AUTOFREIE INNENSTÄDTE (GEA)
Wuppertal-Elberfeld will als erste deutsche Stadt eine autofreie Innenstadt. Der Freiburger Stadtteil Vauban ist autofrei. In Erfurt ist der Autoverkehr in der Innenstadt stark eingeschränkt. Oslo, Helsinki, Kopenhagen, Paris, Brüssel und Madrid sind mit unterschiedlichen Maßnahmen dabei, den Autoverkehr aus ihren Innenstädten zu verdrängen:
Die Linke Liste führt in ihrem Konzept eine Reihe von Vorbildern an.
Der Stuttgarter Gemeinderat hat in Folge einer Initiative des dortigen Linken-Bündnisses vor einem guten Jahr den Zielbeschluss gefasst, die bestehende Fußgängerzone innerhalb des Cityrings auszuweiten und dort die oberirdischen öffentlichen Parkplätze zurückzubauen. Den Anstoß gab der interfraktionelle Antrag »Eine lebenswerte Stadt für alle«.
Der Gemeinderat hat die Verwaltung unter anderem beauftragt, den Lieferverkehr im Cityring einzuschränken und den Pkw-Verkehr nur als Zufahrt zu den Parkhäusern und privaten Stellflächen zu ermöglichen. Die Stadtverwaltung ist zudem aufgefordert, ein Konzept zur Citylogistik zu erarbeiten. (GEA)
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Belebung durch Beruhigung?

Stadtgestaltung – Der »RT-aktiv«-Vorsitzende Christian Wittel zu Chancen und Risiken der
autofreien Altstadt
VON ANDREA GLITZ
REUTLINGEN. Hilft Verkehrsberuhigung bei der Belebung des Zentrums oder macht sie die Reutlinger Altstadt tot? Neben den Anwohnern schaut vor allem der Einzelhandel mit Argusaugen auf die städtische Verkehrspolitik.
»Ich wehre mich nicht gegen das Konzept der autofreien Altstadt«: Der »RT-aktiv«- Vorsitzende Christian Wittel macht im GEA-Gespräch deutlich, dass er dem Thema offen gegenübersteht und es begrüßt, wenn die Linke Liste damit eine Diskussion anstößt.
Die »Interessengemeinschaft für ein attraktives Reutlingen« werde die Diskussion »kritisch begleiten«. Wittel verrät auch, dass es teils massive Bedenken aus Händlerkreisen gebe. Dort weiß man um die Bequemlichkeit der Kundschaft. 75 Prozent der Kunden kämen mit dem Auto nach Reutlingen. Manche würden am liebsten »drive-in einkaufen«, weiß der Optikermeister.
Eine Ausweitung der Fußgängerzone habe auch eine Kehrseite, die gerade kleine Läden belastet: »Wir leben von den günstigeren Mieten in den Seitenstraßen.« Oberstes Ziel müsse sein für alle, die am Konzept mitstricken, Reutlingen attraktiver zu gestalten.
Ob eine autofreie Altstadt dabei hilft, müsse geprüft werden. Danach gelte es, kein Konzept überzustülpen, sondern Händler, Gewerbetreibende und Anwohner ins Boot zu holen.

Erst Angebot, dann Restriktion
Grundvoraussetzung für Veränderungen sei insbesondere, dass alternative Angebote geschaffen würden, bevor Restriktionen angeordnet werden. Wittel setzt auf das neue Stadtbuskonzept (Umsetzung Ende 2019 avisiert), idealerweise in Verbindung mit Park-and-ride-Konzepten an zentralen Einfallstoren der Stadt.
Die »Funktionalität« der Altstadt – insbesondere Zu- und Ablieferung – müsse erhalten bleiben. Passende Logistikkonzepte müssten ersonnen werden. Kreativität sei auch in Sachen Service gefragt, etwa, wie man dem Kunden sperrige Waren nach Hause bringt. Nicht auf einen Schlag, schrittweise müsse der Individualverkehr aus der Altstadt verbannt werden – etwa durch elektrische Poller, die Verkehr selektiv intelligent blocken.
Federnseeplatz und Untere Metzgerstraße sind – wie von der Linken Liste vorgeschlagen – auch für Wittel potenzielle Pilot-Kandidaten.
Die Innenstadt ist mehr als eine Aneinanderreihung von Geschäften, weiß auch der Optikermeister. Die Altstadt müsse eine »schöne Bühne« sein, deren Gestaltung zum Flanieren einlädt. Ein Mix aus Gastronomie und Einkaufen und eine »entspannte Situation « lockten Kunden, mutmaßt er.
Die Händler hegten Sympathien für Shared-Space-Zonen, berichtet Wittel weiter – also Bereiche, in denen alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind. Für die Oberamteistraße hätte man diese Lösung durchaus begrüßt. Die Verwaltung ist hinsichtlich solcher Verkehrslösungen allerdings bislang zögerlich.
Wegweisende Entscheidungen müssen aus Sicht des Einzelhändlers vor dem Hintergrund einer »superlabilen Situation« des Einzelhandels in Reutlingen getroffen werden:
Seit Jahren gingen Kundenfrequenz und Umsätze schleichend zurück. »Das Bild der Innenstadt wird sich ändern.« Die großen Filialisten kehrten Reutlingen zunehmend den Rücken. Das Verhältnis von Kundenfrequenz und Mietpreis stimme nicht auf der Wilhelmstraße. Vor diesem Hintergrund mache es keinen Sinn, immer neue Flächen zu schaffen, ohne sie zu beleben. (GEA)

Ein Gedanke zu „Ziel: Autobefreite Altstadt

  1. Horst Jägel

    Gute Idee und lobenswerte Initiative! Wundere mich schon lange, dass z. B. ortsfremde durch die Hofstattstraße und Untere und Obere Gerberstraße fahren dürfen. Gehört schon lange gesperrt bis auf den Anwohnerverkehr.

    Antwort

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