Thomas Zieglers Rede zur Mandatsübergabe am 26.04.2018

Bild: GEA

Sehr geehrte Damen und Herren,

dem Gemeinderat der Stadt Reutlingen schon seit Längerem anzugehören, bietet durchaus auch seine Annehmlichkeiten:
Die meisten von Ihnen haben mich hinlängliche Zeit erleben dürfen und benötigen daher, um meine Tätigkeit rückblickend – ob eher kritisch oder doch wohlwollend – würdigen zu können, keine Hochglanzprospekte. Falls seit Beginn meines kommunalpolitischen Engagements in Reutlingen Anfang der 80-iger Jahre, seit meiner ersten Vereidigung als Stadtrat durch Oberbürgermeister Dr. Oechsle 1987 nicht hätte erkennbar und deutlich werden können, wofür ich stehe, hätte ich den Auftrag meiner Wähler für diese heiligen Hallen schlicht verfehlt.

An diese Stelle gehört daher die ausdrückliche Wertschätzung für unsere örtlichen Medien:

Ohne deren Berichterstattung würden gerade die anstrengenden Bemühungen der noch kleineren – etwa in ihren Anfängen stehenden – unter anderem politischen Ambitionen in einer Stadt wie Reutlingen kaum das Gehör und jene Aufmerksamkeit erhalten können, die sie verdienen.

Das Wirken eines Stadtrats beinhaltet manche Enttäuschungen; aus gutem Grund an dieser Stelle Gegenteiliges:

1987:

Der Staat unternimmt – nach zwei Jahre zuvor durch das Bundesverfassungsgericht unterbundenem – den nunmehr zweiten Versuch, vertieften Einblick in die Umtriebe seiner Bürger zu gewinnen.

Für mehrere hundert Betroffene aus Reutlingen und Umgebung werden Anträge gegen diese Volkszählung an das zuständige Verwaltungsgericht eingereicht. An einzelne Sendeanstalten sickert durch, dass als eine der ersten gerichtlichen Entscheidungen für die Bundesrepublik jene aus Sigmaringen ergehen könnten – und zwar mit geradezu sensationellem Ergebnis. Da die Sender für ihre Berichterstattung nicht nur Richter, sondern auch eine anwaltliche Vertretung der Volkszählungsgegner zu Wort kommen lassen wollen, zitieren die Richter uns an die Donau, um dort zu verkünden, dass vier von sieben dortigen Kammern – darunter die für Reutlingen zuständige – unserem Antrag, die staatliche Erhebung in beabsichtigtem Umfange für rechtswidrig anzusehen und sofort zu stoppen, vollumfänglich Recht zugesprochen wird.

Die Volkszählungsgegner aus Reutlingen, die blutjungen Anwälte meiner Kanzlei:
abends exklusiv in der Tagesschau
– Fünfzehn Jahre später – die Jahrtausendwende ist gerade absolviert:

Alles, was in Reutlingen Rang und Namen hat, wird für dieses Jahrhundertprojekt in Stellung gebracht! Selbstverständlich ist dessen Realisierung durch den Reutlinger Gemeinderat mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden; nur eine kleine Hand voll Stadträte bewahrt Rückgrat und lässt sich ihre Überzeugung nicht nehmen, dass das von den Mächtigen auf dem ehemaligen Areal der Bruderhaus-Maschinenfabrik ersehnte Kultur- und Kongresszentrum für unsere Stadt völlig überdimensioniert ist und Reutlingen in ein unverantwortbares Schuldenloch stürzen würde.
Darauf sammeln Aktive aus der Bürgerschaft die für einen Bürgerentscheid erforderlichen Unterschriften. Und dieser resultiert in einem eindeutigen, für unsere Obrigkeit allerdings niederschmetternden Ergebnis: Zwei Drittel aller Abstimmenden bewahren unsere Stadt vor Größenwahn und Schuldendesaster!
Die aus dieser Bewegung in aller Kürze erwachsene neue politische Kraft bei den Wahlen 2004 dann aus dem Stand mit vier Sitzen in diesen Rat hineinbegleitet zu haben …

2014, zehn Jahre darauf:
erneut stehen die – jüngsten – Gemeinderatswahlen an:

Prüfenden Blick über unser Umfeld der Linken schweifen lassen, und rechtzeitig vorbereitend bemüht, einer unserer besonderes Talent zeigenden jüngeren Frauen behutsam das Reutlinger Rathaus schmackhaft zu machen.

Nur drei Gemeinderatsjahre, allerdings zwei ebenso anstrengende wie ambitionierte Wahlkämpfe später zieht mit Jessica Tatti die nach Oskar Kalbfell seither einzig erste weitere aus dem Reutlinger Rathaus stammende Persönlichkeit in den Deutschen Bundestag ein!

Meine Damen und Herren,
solche Höhepunkte kann Ihnen kein räsonierender, meckernder Stammtisch bieten –
dafür müssen Sie schon Stadträtin oder Stadtrat werden!

Genau dazu wollte ich Sie ermuntern – unsere Wahlen stehen auf nächstes Jahr an!

Darauf, einer politischen Kraft anzugehören, die es neuen – und gerne gerade weiblichen – Engagierten nicht einfach selbst überlässt, ewig das Ausscheiden der Haushaltsreden-abonnierten Obergurus ersehnen zu müssen – also unseren Linken anzugehören, die vielmehr ihren neuen Hoffnungsvollen das Podium bereitet und ihnen die erfahrene Flankierung sichert für einen tatsächlichen Auftritt und Einfluss in diesen Räumen samt daraus gelegentlich – und immer häufiger! – auch resultierender Erfolge – darauf, in der Tat, bin ich schon etwas stolz.

Die Übergabe meines Mandat vollzieht sich heute unter Voraussetzungen, die ich mir immer fest vorgestellt, jedoch derart umfassend nicht zu jeder Zeit für wirklich realistisch gehalten habe:

1. Die Übertragung des Mandats erfolgt selbst bestimmt sowie zu dem von mir als absolut passend angesehenen, mit meinem Umfeld rechtzeitig vorausschauend vorbereiteten Zeitpunkt.

2. Mein Mandat darf in vertrauenswürdige Hände übergeben werden:
Bleiben Sie meiner Nachfolgerin bitte vom Leib damit, ihr Vorgänger habe rathäusliche Erfahrung aus 35 Jahren sowie insbesondere seine Kenntnisse als Volljurist mit Befähigung zum Richteramt aus ebenso langer Berufstätigkeit hier einbringen können; Carola Rau verfügt erfreulicherweise über andere, eigene Qualitäten, die – so viel sei bereits verraten – diesem Gremium samt unserer Verwaltung ausgesprochen vorteilhaft bekommen dürften – und die Sie ab heute ja verstärkt kennen und dann wohl auch schätzen lernen werden.

Natürlich habe ich aus dieser Zeit manches ins Herz geschlossen, das meinen Abschied heute etwas wehmütig werden lässt:
Zahlreiche Beschäftigte dieses Hauses, deren Arbeit ich hoch schätzen gelernt habe; nicht wenige Kolleginnen und Kollegen Stadträte, mit welchen Gedankenaustausch sich als erkenntnisreich zeigen und zuverlässige Zusammenarbeit sich erweisen sollte.

Dennoch scheide ich heute sehr wohl freudig:
Die Kollegen meiner Kanzlei, meine Sekretärin, meine Freunde – in erster Linie aber meine Partnerin, meine hochbetagten Eltern sowie mein Sohn werden künftig von den ihnen bis zum Überdruss geläufigen Auskünften „Gerichtsverhandlung!“, „Kreistagssitzung!“, „Rathaustermin!“ wenigstens eine Auskunft – und zwar die zuletzt mit Abstand zeitraubendste davon! – nicht mehr vernehmen müssen, und für meine Reutlinger, die mich in der letzten Zeit nur noch von Gericht zu Landratsamt, dann ins Rathaus und oft nachts wieder zurück in meine Kanzlei im Eilschritt unterwegs erlebt haben, sollte ich künftig auch wieder mehr Muße für ein „Schwätzle“ mitbringen.
Ihr:
An die Arbeit! Unsere Stadt mit ihrer stolzen Tradition aus selbstbewussten Bürgern und Gewerbefleiß, mit ihren aus den jüngeren Zeiten erwachsenen weithin vorzeigbaren kulturellen Schätzen, aber auch ihrem aktuell dringenden Handlungsbedarf in sozialer Hinsicht – Wohnungsbau, Kinderbetreuung! – , ihren Nöten bei Verkehr und Umwelt bietet an allen Ecken und Enden noch ungehobenes Potential: für unseren Gemeinderat samt Verwaltung also ebenso genügend wie tägliche Herausforderungen!
Dass Sie diese Aufgaben mit Anstand und Erfolg bewältigen, möchte ich Ihnen weiterhin wünschen.

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